Gestern bin ich sechzig geworden. Und habe mir ein Fernglas gekauft.
Genauer hinsehen. Offenbar habe ich damit noch einiges vor.
Am Freitag habe ich meinen Abschied mit dem Gartenteam in der Zentralschweiz gefeiert. Fünf Monate habe ich die Kollegen begleitet. Es war bereits das zweite Mal, dass ich dieses Team verlassen habe. Und zum zweiten Mal habe ich Rückmeldungen bekommen, die mich unglaublich berührt haben.
Wir sind wie eine Familie.
Ich musste an eine meiner alten Präsentationsfolien denken: „We need to become a Family and Friends Environment.“
Über solche Sätze lässt sich auf Konferenzen wunderbar sprechen. Am Freitag habe ich gespürt, wie schwer der Abschied wird, wenn man diese Verbundenheit tatsächlich erlebt.
Erst gestern habe ich bemerkt, wie sehr mich die vergangenen Monate erschöpft haben. Ich bin ziemlich gut darin, mich selbst zu motivieren. Aber was meine Kollegen unentwegt leisten, beeindruckt mich zutiefst.
Am Montagmorgen werde ich nicht mit ihnen die Wagen vorbereiten, bevor jeder irgendwo seine Knochen abarbeitet. Ich werde wieder ein Technikteam unterstützen.
Es gibt eine nächste Aufgabe. Trotzdem tut das Weggehen mehr weh als die Arbeit selbst.
Ein Teil von mir fühlt sich wie ein Fahnenflüchtiger. Vermutlich haben mein Navy-Hintergrund und meine Vorliebe für gemeinsame Missionen damit zu tun.
You can get a man out of the Navy, but you can’t get the Navy out of a man.
In den Gesprächen mit meinen Kollegen, innerhalb und ausserhalb des Teams, erfahre ich so viel Menschlichkeit, dass ich mich manchmal frage, warum ich mich eigentlich mit PEOPLE FIRST beschäftige.
Die Menschen sind doch längst da.
Mit ihrer Hilfsbereitschaft, ihrem Humor, ihrer Aufmerksamkeit füreinander. Ich begegne diesem Anspruch auf allen Ebenen. Ich glaube vielen der Menschen, mit denen ich spreche, dass sie „People First“ mit Blut unterschreiben würden.
Trotzdem hakt es. Mitunter massiv.
Weiter oben zweifelt man an denen weiter unten. Weiter unten zweifelt man an denen weiter oben. Und auch nebeneinander schaffen wir es, regelmässig aneinander zu zweifeln.
Welchen Anteil haben unsere Kennzahlen daran? Was geschieht, wenn jede Ebene etwas anderes nachweisen muss und der Erfolg der einen für die anderen zusätzliche Belastung bedeutet?
Ich habe darauf keine fertige Antwort. Und mit sechzig möchte ich genauer prüfen, wie schnell ich mir bisher eine zurechtgelegt habe.
Das gilt auch für Antworten, mit denen ich selbst jahrelang unterwegs war.
Wenn mir schon der Abschied von einer gemeinsamen Arbeit so schwerfällt, obwohl am Montag eine neue Aufgabe auf mich wartet: Wie leicht habe ich dann früher über das Verschwinden von Arbeitsplätzen gesprochen?
Ich habe über den Ersatz von „Bullshit Jobs“ gesprochen. Ich habe Automatisierung vorangetrieben und selbst dazu beigetragen, dass Arbeit ganzer Abteilungen durch Technologie übernommen wurde.
Auch ich habe das Lied gesungen: Neue Technologien haben immer neue Arbeitsplätze geschaffen. Menschen, die keine unsinnigen Aufgaben mehr erledigen müssen, haben endlich Zeit für Sinnvolles.
Jetzt bin ich mir da nicht mehr sicher.
Schon das Wort „unsinnig“ verdient einen zweiten Blick. Wiederkehrende Arbeit kann notwendig sein. Automatisierbare Arbeit kann sinnvoll sein. Und selbst dort, wo eine Aufgabe tatsächlich überflüssig ist, hängen an ihr möglicherweise ein Einkommen, eine Gemeinschaft, ein Stück Selbstachtung.
Vom Meetingtisch sieht das alles so einfach aus.
Menschen könnten sich doch sozial in ihren Communities engagieren. Schöne neue Welt, habe ich immer proklamiert.
But who pays the rent?
Was ist aus denen geworden, die sich früher um das Onboarding neuer Mitarbeiter in zahlreichen Grossunternehmen gekümmert haben? Ich habe sie durch ein wunderschönes API-Produkt ersetzt. Unsere Kunden waren wild darauf und wir haben uns wie Helden gefühlt.
Wo sind sie jetzt? Was machen sie heute? Haben sie endlich Zeit, um durchzustarten und sich selbst zu verwirklichen?
Let me guess …
Heute suchen Unternehmen Fachleute, die KI-Systeme anhand ihrer beruflichen Expertise trainieren und bewerten. Wir bringen Maschinen zunehmend bei, auch jene Aufgaben zu übernehmen, für die wir lange Ausbildung und Erfahrung vorausgesetzt haben.
Wie weit das führt und wie schnell es geht, weiss ich nicht. Aber ich traue meiner alten beruhigenden Antwort nicht mehr: Es wird schon neue Arbeit geben.
Vielleicht wird es sie geben. Nur ist damit noch nicht gesagt, dass dieselben Menschen rechtzeitig eine neue Arbeit finden, von der sie leben können.
Und was passiert dazwischen?
Wir haben oft erstaunlich schnelle Erklärungen dafür, warum jemand keine Arbeit findet. Wie verändern sich diese Erklärungen, wenn gut ausgebildete Bürokräfte und Manager in grosser Zahl betroffen sein sollten? Menschen, die vieles von dem getan haben, was wir ihnen als Absicherung empfohlen haben.
Werden wir dann genauer hinsehen?
Auch auf Ideen wie das bedingungslose Grundeinkommen, über die wir so häufig mit fertigen Überzeugungen sprechen?
Ich weiss nicht, ob es die richtige Antwort ist. Ich möchte aber bereit sein, diese Frage neu zu stellen. Ebenso wie Fragen nach Arbeitszeit, Weiterbildung und der Verteilung dessen, was wir durch Automatisierung gewinnen.
Wir setzen alles daran, die technische Entwicklung zu beschleunigen. Mit derselben Dringlichkeit sollten wir uns um die Menschen kümmern, deren Leben sie verändert.
Es wäre leicht, uns in dieser Entwicklung irgendwann als Opfer zu sehen. Aber ich habe selbst an ihr mitgearbeitet. Ich arbeite weiterhin unter Zuhilfenahme von KI. Ich kann meine Verantwortung dafür schlecht an eine abstrakte „Revolution“ abgeben.
Sollten wir nicht alle ein bisschen mehr Täter sein?
Ich möchte jedenfalls genauer wissen, was aus den Menschen wird, wenn die Einsparung erreicht und das Projekt abgeschlossen ist. Und meine eigenen Versprechen daran messen.
Am Montag werde ich Menschen in einer neuen Aufgabe unterstützen. Die Kollegen aus dem Gartenteam werden mir fehlen.
Mit sechzig empfinde ich Trauer über diesen Abschied. Demut vor dem, was Menschen leisten. Und Zweifel an einigen Antworten, die ich früher ziemlich überzeugend vortragen konnte.
Das Fernglas hilft mir, weiter zu sehen.
Genauer hinsehen muss ich selbst.
Wo liegt es nun schon wieder?

