Schon wieder derselbe Fehler. Derselbe Mitarbeiter. Dass man das immer wieder erklären muss! Man müsste ihn mal zum Gespräch bestellen.

Warum bestellt man Menschen eigentlich zum Gespräch? Ich bestelle eine Pizza. Oder ein Ersatzteil. Menschen würde ich eher einladen. Obwohl. Wenn mein Chef mich zu einem Gespräch einlädt, werde ich wahrscheinlich auch nervös. Vielleicht liegt es gar nicht am Wort.

Der Mitarbeiter sitzt jetzt jedenfalls da -- Er soll endlich mehr Eigenverantwortung übernehmen.

Das ist ein schönes Wort. Da steckt Freiheit drin -- Erwachsensein. Jemandem etwas zutrauen. Ich mag das! Ich frage mich nur gerade, warum Eigenverantwortung in Unternehmen so häufig erst dann auftaucht, wenn etwas schiefgegangen ist.

Vorher musste er immer fragen.


Nehmen wir an, der Mitarbeiter hat tatsächlich einen Fehler gemacht. Keine heimliche Heldengeschichte, in der am Ende alle Mitarbeitenden klug und alle Vorgesetzten Idioten sind. Er hat etwas übersehen. Eine Entscheidung getroffen, die nicht gut war. Vielleicht wusste er es sogar besser.

Und was ist jetzt?

Jetzt können wir klären, was er getan hat. Wir können aber auch fragen, wie er überhaupt dort hingekommen ist. Welche Informationen er hatte. Was gleichzeitig von ihm erwartet wurde. Welche Entscheidung er selbst treffen durfte und für welche er die Freigabe eines Menschen brauchte, der seit Dienstag nicht antwortet.

Dienstag letzter Woche.

Vielleicht hören wir dabei etwas, das uns nicht gefällt. Zum Beispiel, dass er versucht hat, zwei unserer Anweisungen gleichzeitig zu befolgen und/oder gehandelt hat, ohne vorher zu fragen.

Schneller werden <-> Keine Risiken eingehen.

Selbst entscheiden <-> Vorher abstimmen.

Kunden begeistern <-> Keine Ausnahmen machen.

Auf einer Präsentation passen diese Sätze problemlos nebeneinander. Im Leben eines Menschen müssen sie sich leider irgendwann begegnen. Das endet dann oft tragisch.

Gottseidank sind wir nicht zugegen.


Wenn derselbe Fehler immer wieder passiert, wird es interessant. Nicht angenehm. Interessant.

Vielleicht fehlt tatsächlich eine Fähigkeit. Vielleicht will jemand nicht. Auch das gibt es. Aber womöglich macht ein Mensch unter den gegebenen Bedingungen etwas ziemlich Nachvollziehbares. Er vermeidet Ärger. Sichert sich ab. Hält eine Zahl grün. Wartet lieber noch einmal ab.

Eine Organisation kann extrem zuverlässig genau das Verhalten hervorbringen, über das sie sich anschliessend beschwert. Das Gemeine daran: Dafür braucht es nicht einmal böse Absicht. Es reichen vernünftige Einzelentscheidungen, die zusammen etwas ziemlich Unvernünftiges ergeben.

Ach ja -- da sind ja noch die Menschen, die sich da irgendwie durchbringen müssen.


„Ja, aber die KPIs.“

DA SIND SIE - ENDLICH!

Ich merke, wie angenehm dieser Satz ist - ich atme durch und entspanne …
Die Kennzahlen verlangen es doch! Der Druck kommt von oben. Unter diesen Bedingungen kann ich doch gar nicht anders.

Gerade habe ich noch über die Führungskraft nachgedacht, die ihren Mitarbeiter zum Problem macht. Jetzt mache ich die Kennzahlen zum Problem und sitze selbst wieder auf der sicheren Seite.

Ich kann nicht, weil .....................

Hinter dem „weil“ findet sich erstaunlich viel Platz. Für den Vorstand, die Kultur, den Markt, die Mitarbeitenden, die wohl einfach noch nicht so weit sind. Man könnte ein Hängeregister anlegen. Für jeden einen Reiter.

Und komischerweise vergesse ich, einen für mich anzulegen.

Natürlich setzen Kennzahlen Anreize. Natürlich gibt es Macht, Abhängigkeit und Grenzen, die ich nicht durch eine bessere Einstellung wegdenken kann. Wer tatsächlich keine Entscheidung treffen darf, bekommt durch das Wort Eigenverantwortung auch keine Befugnis.

Trotzdem möchte ich wissen, an welcher Stelle ich aus einer Grenze eine vollständige Erklärung gemacht habe. Für alles, was ich tue. Und alles, was ich lasse.

Welche Entscheidung treffe ich noch selbst? Wessen Einwand höre ich nicht mehr? Was gebe ich weiter, obwohl ich es längst für Unsinn halte?

Vielleicht ist mein Spielraum klein. Ich hätte ihn gern grösser. Aber ich sollte ihn wenigstens ansehen, bevor ich behaupte, es gäbe ihn nicht.


Einen Schuldigen zu finden hat einen grossen Vorteil: Ich muss meinen Anteil nicht mehr suchen.

Der andere hat jetzt wirklich genug mit seinem zu tun.

Man kann das Gespräch beenden, eine Massnahme vereinbaren und weitermachen. Die Freigaben bleiben. Die widersprüchlichen Erwartungen auch. Beim nächsten Fehler wird das Gespräch vermutlich auch etwas deutlicher.

Mich beschäftigt daran, wie leicht die Frage nach Verantwortung zur Beruhigung derjenigen werden kann, die sie stellen. Jemand anderes muss etwas lernen. Ich habe geführt.

Dabei müsste gerade eine Führungsposition es möglich machen, die eigenen Bedingungen mit anzusehen. Auch die, von denen man profitiert. Wer widerspricht mir noch, bevor etwas schiefgeht? Was erfahren Menschen darüber, wie ich mit schlechten Nachrichten umgehe? Welche Probleme werden auf dem Weg zu mir so lange umformuliert, bis sie scheinbar keine mehr sind?

Und dann wundere ich mich, dass mir niemand rechtzeitig etwas gesagt hat.

Bevor ich ihn zum nächsten Gespräch einlade, hätte ich da noch fünf Fragen. An mich, leider.

  1. Wen habe ich schon zum Problem erklärt, bevor ich verstanden habe, was hier passiert?
  2. Was kommt bei mir nach „Ich kann nicht, weil …“ – und was müsste ich tun, wenn dieser Satz dort nicht enden dürfte?
  3. Was könnte ich längst verändern, während ich darauf warte, dass die anderen endlich etwas einsehen?
  4. Welchen Anteil an diesem Problem möchte ich lieber nicht so genau kennenlernen?
  5. Was gewinne ich dadurch, dass ich recht behalte? Und wer bezahlt dafür?

Und dann noch eine, die hier wirklich nicht vorgesehen war:
Was, wenn Mutti mich so sähe?


Eigentlich wollte ich nur kurz mit ihm über seinen Fehler sprechen.

Jetzt sitze ich immer noch hier.

Er? Er ist längst gegangen.